Warum streiten wir eigentlich immer über denselben Mist? – Wiederkehrende Streitigkeiten in Paarbeziehungen
„Wir streiten immer über dasselbe.“ Vielleicht kennen Sie diesen Satz. Es geht um den Haushalt, Geld, die Kinder, zu wenig gemeinsame Zeit oder darum, dass einer ständig am Handy hängt. Man hat das Thema schon unzählige Male besprochen – und trotzdem landet man beim nächsten Streit wieder genau dort.
Manchmal beginnt der Streit sogar wegen einer Kleinigkeit. Und plötzlich geht es gar nicht mehr darum, wer den Müll hätte rausbringen sollen. Es geht um fehlende Wertschätzung, mangelnde Verlässlichkeit oder das Gefühl: „Du siehst mich einfach nicht.“
Das ist kein Zufall. Forschung zu Paarbeziehungen zeigt, dass hinter wiederkehrenden Konflikten häufig feste Beziehungsmuster stehen. Dabei geht es weniger darum, wer „das Problem“ ist, sondern darum, wie beide Partner aufeinander reagieren – und wie sich diese Reaktionen gegenseitig verstärken.
Einer fordert – der andere zieht sich zurück
Ein besonders gut untersuchtes Muster ist das sogenannte Demand–Withdraw-Muster: Einer möchte etwas klären, fordert eine Reaktion oder Veränderung, während der andere sich zurückzieht, schweigt oder das Gespräch beendet (Christensen & Heavey, 1990).
Das kann zum Beispiel so aussehen:
„Wir müssen endlich darüber reden!“
„Nicht jetzt. Lass mich einfach in Ruhe.“
Darauf folgt vielleicht:
„Du weichst mir schon wieder aus!“
Und der andere zieht sich noch weiter zurück.
Das Interessante daran: Beide versuchen möglicherweise, etwas Sinnvolles zu erreichen. Der eine möchte Nähe, Klärung oder Veränderung. Der andere möchte vielleicht verhindern, dass der Konflikt noch weiter eskaliert.
Das Problem ist: Beide Reaktionen können genau das Gegenteil bewirken.
Der Rückzug wird als Gleichgültigkeit verstanden, die Forderung als Angriff. Dadurch wird der eine noch drängender und der andere noch defensiver. Aus zwei verständlichen Reaktionen entsteht ein Kreislauf, in dem sich beide immer weiter voneinander entfernen.
Bereits frühere Längsschnittstudien zeigten, dass insbesondere Rückzug und die Kombination aus Fordern und Rückzug mit einer ungünstigeren Entwicklung der Beziehungszufriedenheit verbunden sein können (Heavey et al., 1995).
Allerdings lohnt sich hier ein genauerer Blick: Neuere Forschung zeigt, dass dieses Muster nicht automatisch bedeutet, dass eine Beziehung scheitern wird. Holley (2010) fand beispielsweise, dass Demand–Withdraw-Verhalten langfristig weniger aussagekräftig für die Beziehungsentwicklung war, als frühere Forschung vermuten ließ. Rückzug bedeutet nicht automatisch: „Diese Beziehung ist am Ende.“ Entscheidend ist vielmehr, was innerhalb der Beziehung insgesamt passiert und ob es gelingt, nach Konflikten wieder miteinander in Kontakt zu kommen.
„Du hast nicht geholfen“ wird zu „Du bist egoistisch“
Ein weiterer wichtiger Mechanismus passiert häufig nicht im Gespräch – sondern in unserem Kopf. Wir versuchen ständig, das Verhalten unseres Partners zu verstehen. Warum hat er das jetzt gemacht? Warum reagiert sie so? Und genau hier kann es schwierig werden.
Aus
„Du hast heute nicht geholfen.“
wird schnell:
„Du bist einfach egoistisch.“
Oder aus
„Du möchtest heute Abend lieber allein sein.“
wird:
„Dir ist unsere Beziehung eigentlich egal.“
Forschung zu sogenannten Beziehungsattributionen zeigt, dass unzufriedene Partner problematisches Verhalten häufiger auf stabile Eigenschaften des anderen zurückführen (Bradbury & Fincham, 1990). Das Verhalten wird dann als absichtlich, charakterbedingt und wenig veränderbar interpretiert (Fincham & Bradbury, 1992).
Und wenn ich glaube, dass mein Partner grundsätzlich egoistisch, lieblos oder desinteressiert ist, begegne ich ihm natürlich anders, als wenn ich denke: „Heute war er vielleicht einfach überfordert.“ Meine Reaktion verändert wiederum die Reaktion meines Partners. Und schon dreht sich die Spirale weiter.
Wer hat angefangen?
Eine Frage, die in Paarstreitigkeiten erstaunlich häufig auftaucht: „Aber wer hat denn angefangen?“
Für die Lösung eines Konflikts ist sie meistens nicht besonders hilfreich.
Denn Paarforschung zeigt zunehmend, dass problematische Konflikte häufig gegenseitige Dynamiken sind. Eine Person reagiert auf die andere – diese reagiert wiederum auf die erste – und irgendwann wissen beide gar nicht mehr genau, wie es eigentlich angefangen hat.
Bretaña et al. (2022) konnten beispielsweise zeigen, dass vermeidende Bindungsmuster insbesondere mit Rückzug zusammenhängen können, während der Rückzug einer Person wiederum mit forderndem oder aggressivem Verhalten des Partners verbunden war. Das ist ein wichtiger Perspektivwechsel:
Nicht „Du bist das Problem“ – sondern „Wir sind in ein Muster geraten.“
Und genau darin liegt auch eine Chance. Denn wenn ein Muster gemeinsam entsteht, kann es auch gemeinsam verändert werden.
Streiten ist nicht automatisch schlecht
Vielleicht ist das die wichtigste Nachricht: Eine gute Beziehung ist nicht eine Beziehung ohne Streit. Paare werden unterschiedliche Bedürfnisse, Erwartungen und Vorstellungen haben. Manche Themen lassen sich vielleicht sogar nie vollständig lösen. Entscheidend ist vielmehr, wie ein Paar mit seinen Unterschieden umgeht.
Gottman et al. (1998) zeigten bereits in frühen Studien, dass nicht allein die Existenz von Konflikten entscheidend für die Stabilität einer Beziehung ist. Eine wichtige Rolle spielen vielmehr positive Interaktionen und die Fähigkeit, nach einem Konflikt wieder Verbindung herzustellen.
Dazu gehören kleine „Reparaturversuche“: ein versöhnlicher Blick, eine Berührung, ein humorvoller Moment, eine Entschuldigung oder der Satz: „Warte, ich glaube, wir reden gerade aneinander vorbei.“ Solche Momente können einen festgefahrenen Konflikt unterbrechen.
Warum lohnt es sich, genauer hinzuschauen?
Wiederkehrende Konflikte können anstrengend sein. Und wenn sie sich über Jahre wiederholen, können sie zu einer erheblichen Belastung werden. Forschung weist darauf hin, dass chronisch negative Kommunikationsmuster nicht nur mit geringerer Beziehungsqualität, sondern auch mit einer schlechteren emotionalen Erholung nach Konflikten und ungünstigen physiologischen Reaktionen verbunden sein können (Shrout et al., 2023). Das bedeutet nicht, dass jeder Streit krank macht. Aber es zeigt, dass unser Beziehungsklima nicht völlig folgenlos bleibt.
Castellano et al. (2023) beschreiben solche wiederkehrenden Konflikte als „vicious relational circles“ – Teufelskreise, in denen sich beide Partner mit ihren Reaktionen unbeabsichtigt gegenseitig in ihren negativen Erwartungen bestätigen.
Vielleicht ist der Streit über den Haushalt deshalb manchmal gar kein Streit über den Haushalt. Vielleicht geht es eigentlich um die Frage:
„Kann ich mich auf dich verlassen?“
„Bin ich dir wichtig?“
„Siehst du, wie viel ich leiste?“
„Darf ich auch einmal schwach sein?“
„Sind wir eigentlich noch ein Team?“
Und wie kommt man da wieder heraus?
Der erste Schritt ist häufig nicht, endlich herauszufinden, wer Recht hat. Sondern zu erkennen, welches Muster zwischen uns entsteht.
Wer wird laut oder drängend? Wer zieht sich zurück? Welche Bedeutung geben wir dem Verhalten des anderen? Was versuchen wir eigentlich mit unserem Verhalten zu erreichen – und was bewirken wir damit tatsächlich?
Wenn Paare beginnen, diese Dynamik gemeinsam zu betrachten, kann sich etwas verändern. Dann steht nicht mehr der einzelne „Fehler“ des anderen im Mittelpunkt, sondern die Beziehung als gemeinsamer Raum.
Und manchmal ist genau das der entscheidende Schritt:
Nicht gegeneinander herauszufinden, wer schuld ist – sondern miteinander zu verstehen, was zwischen uns passiert.
Literatur
Bradbury, T. N., & Fincham, F. D. (1990). Attributions in marriage: Review and critique. Psychological Bulletin, 107(1), 3–33. https://doi.org/10.1037/0033-2909.107.1.3
Bretaña, I., Alonso-Arbiol, I., Recio, P., & Molero, F. (2022). Avoidant attachment, withdrawal-aggression conflict pattern, and relationship satisfaction: A mediational dyadic model. Frontiers in Psychology, 12, Article 794942. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2021.794942
Christensen, A., & Heavey, C. L. (1990). Gender and social structure in the demand/withdraw pattern of marital conflict. Journal of Personality and Social Psychology, 59(1), 73–81. https://doi.org/10.1037/0022-3514.59.1.73
Castellano, R., Crisafulli, V., Carpentieri, R., De Luca, E., Di Filippo, C., La Stella, M., Leonardi, J., Mannocchi, C., Rodomonti, M., Rosi, L., Santodoro, M., & Gazzillo, F. (2024). Vicious relational circles and chronic couple conflictuality: An empirical study. Journal of Contemporary Psychotherapy, 54, 155–162. https://doi.org/10.1007/s10879-023-09607-5
Fincham, F. D., & Bradbury, T. N. (1992). Assessing attributions in marriage: The Relationship Attribution Measure. Journal of Personality and Social Psychology, 62(3), 457–468. https://doi.org/10.1037/0022-3514.62.3.457
Gottman, J. M., Coan, J. A., Carrère, S., & Swanson, C. (1998). Predicting marital happiness and stability from newlywed interactions. Journal of Marriage and the Family, 60(1), 5–22.
Gottman, J. M., & Levenson, R. W. (1992). Marital processes predictive of later dissolution: Behavior, physiology, and health. Journal of Personality and Social Psychology, 63(2), 221–233. https://doi.org/10.1037/0022-3514.63.2.221
Heavey, C. L., Christensen, A., & Malamuth, N. M. (1995). The longitudinal impact of demand and withdrawal during marital conflict. Journal of Consulting and Clinical Psychology, 63(5), 797–801.
Holley, S. R. (2010). The demand-withdraw communication pattern in middle-aged and older couples: A longitudinal study [Doctoral dissertation, University of California, Berkeley]. UC Berkeley Electronic Theses and Dissertations. https://escholarship.org/uc/item/1g37d6w6
Shrout, M. R., Renna, M. E., Madison, A. A., Malarkey, W. B., & Kiecolt-Glaser, J. K. (2023). Marital negativity’s festering wounds: The emotional, immunological, and relational toll of couples‘ negative communication patterns. Psychoneuroendocrinology, 149, Article 105989. https://doi.org/10.1016/j.psyneuen.2022.105989
