Warum Verliebtheit nachlässt – und Liebe trotzdem bleiben kann
Am Anfang ist da dieses Kribbeln. Man denkt ständig aneinander, möchte möglichst viel Zeit miteinander verbringen und findet selbst die kleinen Eigenheiten des anderen irgendwie bezaubernd. Er schreibt „Guten Morgen“ – und plötzlich ist der Tag gerettet. Sie erzählt zum dritten Mal dieselbe Geschichte – und man hört trotzdem gespannt zu.
Und irgendwann passiert etwas Merkwürdiges: Der andere ist immer noch derselbe Mensch. Aber das Herz reagiert nicht mehr ganz so enthusiastisch auf seine WhatsApp-Nachrichten. Spätestens dann stellt sich bei vielen Paaren die Frage: Was ist eigentlich passiert? Haben wir uns auseinandergelebt? Ist unsere Liebe weniger geworden? Oder ist das einfach normal?
Die gute Nachricht zuerst: Dass die anfängliche Verliebtheit nachlässt, ist nicht automatisch ein Zeichen dafür, dass mit einer Beziehung etwas nicht stimmt. Im Gegenteil. Verliebtheit und langfristige Liebe sind zwar miteinander verbunden, aber psychologisch nicht dasselbe.
Warum Verliebtheit so intensiv ist
Verliebtheit hat etwas geradezu Unvernünftiges an sich. Wir denken ständig an den anderen, überschätzen seine positiven Eigenschaften, sehnen uns nach Nähe und können uns manchmal kaum auf etwas anderes konzentrieren.
Das ist kein Zufall.
Forschungsarbeiten zeigen, dass frühe romantische Verliebtheit mit dem Belohnungs- und Motivationssystem des Gehirns verbunden ist. In einer fMRI-Studie zeigten Aron und Kollegen (2005) bei Menschen in einer frühen Phase intensiver romantischer Liebe unter anderem Aktivität im ventralen Tegmentum und im Nucleus caudatus – Hirnregionen, die mit Motivation, Belohnung und zielgerichtetem Verhalten verbunden sind.
Helen Fisher und Kollegen (2006) beschreiben romantische Liebe deshalb als ein eigenständiges Motivationssystem. Vereinfacht gesagt: Der andere wird für unser Gehirn plötzlich zu einem ausgesprochen wichtigen „Ziel“.
Und das erklärt einiges.
Wenn jemand neu und aufregend ist, gibt es ständig etwas zu entdecken. Eine Nachricht kann überraschend kommen. Ein Blick kann Bedeutung bekommen. Ein Treffen ist etwas Besonderes. Man weiß noch nicht genau, was der andere denkt oder fühlt – und gerade diese Unsicherheit kann die Aufmerksamkeit zusätzlich binden. Verliebtheit ist deshalb nicht unbedingt der Zustand, in dem unser Gehirn am vernünftigsten arbeitet. Aber vielleicht gerade deshalb einer der aufregendsten.
Warum das irgendwann nachlässt
Das Problem – oder besser: die notwendige Veränderung – beginnt damit, dass aus dem unbekannten Menschen ein vertrauter Mensch wird. Wir wissen irgendwann, wie der andere morgens aussieht. Wir kennen seine Lieblingsserie, seine Macken und seine Reaktion auf Stau. Wir wissen, dass „Mach du ruhig“ manchmal tatsächlich „Mach du ruhig“ bedeutet – und manchmal ungefähr das Gegenteil.
Neuheit wird zu Vertrautheit. Auch unsere Aufmerksamkeit verändert sich. Während Verliebtheit sehr viel geistige Energie binden kann, wird die andere Person mit der Zeit wieder stärker in den normalen Alltag integriert. Wir können arbeiten, einkaufen, die Steuererklärung machen und gleichzeitig wissen, dass der andere im Nebenzimmer sitzt. Das klingt zunächst weniger romantisch. Ist es aber nicht unbedingt.
Denn langfristige Beziehungen beruhen nicht darauf, dass wir den anderen permanent aufregend finden. Sie können zunehmend auf Nähe, Vertrautheit, Sicherheit und Verbundenheit beruhen. Sternbergs Modell der Liebe beschreibt Liebe als Zusammenspiel von drei Komponenten: Intimität, Leidenschaft und Bindung (Sternberg, 1986). Das Besondere daran: Diese drei Komponenten entwickeln sich nicht im gleichen Tempo. Leidenschaft steigt zu Beginn einer Beziehung typischerweise schnell an – und ebenso schnell wieder ab. Bindung dagegen wächst langsamer, dafür aber stabiler. Und Intimität ist auf fortlaufende Pflege angewiesen: Sie entsteht nicht einmalig, sondern muss immer wieder neu hergestellt werden, etwa durch echtes Interesse und gemeinsam geteilte Erfahrungen.
Wenn also die Leidenschaft in einer langjährigen Beziehung nachlässt, bedeutet das nicht automatisch, dass insgesamt weniger Liebe da ist. Es bedeutet vor allem, dass sich das Verhältnis der drei Komponenten zueinander verschoben hat. Die Beziehung fühlt sich dann anders an. Aber anders ist nicht automatisch weniger.
Muss die Liebe also zwangsläufig verblassen?
Hier wird es besonders interessant.
Denn die Vorstellung, dass nach einigen Jahren zwangsläufig nur noch Freundschaft und Gewohnheit übrig bleiben, ist wissenschaftlich zu einfach.
Acevedo und Aron (2009) untersuchten in einer Metaanalyse von 25 Studien mit mehr als 6.000 Personen, wie sich romantische Liebe in langjährigen Beziehungen verändert. Dabei unterschieden sie unter anderem zwischen einer eher obsessiven, von Unsicherheit und starker gedanklicher Beschäftigung geprägten Form der leidenschaftlichen Liebe und einer romantischen Liebe, die weiterhin Intensität, sexuelles Interesse und Verbundenheit beinhaltet, ohne von ständiger Unsicherheit geprägt zu sein.
Und genau hier liegt die interessante Nachricht: Nicht jede Form romantischer Liebe nimmt zwangsläufig ab.
Ein Teil der langjährigen Paare berichtete auch nach vielen Jahren noch von einer hohen romantischen Liebesintensität. In dieser Gruppe war die Beziehung gleichzeitig durch eine hohe Beziehungszufriedenheit gekennzeichnet (Acevedo & Aron, 2009). Auch eine spätere fMRI-Studie von Acevedo und Kollegen (2012) liefert einen faszinierenden Hinweis darauf. Bei Menschen, die seit mehr als zehn Jahren verheiratet waren und sich weiterhin intensiv verliebt fühlten, zeigten sich bei der Betrachtung des Partners weiterhin Aktivierungen in Regionen, die auch mit Belohnung und Motivation in Verbindung stehen.
Allerdings gab es einen wichtigen Unterschied: Langjährige intensive Liebe war stärker mit Gefühlen von Ruhe und Verbundenheit verbunden als die frühe romantische Liebe. Die Autoren interpretieren dies als Hinweis darauf, dass langfristige romantische Liebe Merkmale der frühen intensiven Verliebtheit mit stärkerer Bindung verbinden kann (Acevedo et al., 2012).
Vielleicht ist genau das eine der schönsten Entwicklungen, die eine Beziehung nehmen kann: Der andere muss nicht mehr fremd sein, um aufregend zu bleiben.
Liebe verändert ihre Sprache
Vielleicht ist das auch der Grund, warum sich langjährige Liebe manchmal schwer mit der Sprache der Verliebtheit beschreiben lässt. Am Anfang heißt Liebe vielleicht: „Ich kann kaum aufhören, an dich zu denken.“ Später heißt sie vielleicht: „Ich weiß, wie du deinen Kaffee magst.“ Oder: „Ich habe gemerkt, dass du heute einen schlechten Tag hattest.“ Oder: „Ich weiß, dass du gerade Raum brauchst – und bin trotzdem da.“
Das klingt weniger nach Hollywood. Dafür deutlich mehr nach Beziehung.
Langfristige Liebe besteht nicht nur daraus, dass wir den anderen begehren. Sie entsteht auch darin, dass wir ihn kennen, uns von ihm kennen lassen, gemeinsam schwierige Zeiten bewältigen und immer wieder Interesse aneinander entwickeln. Und genau hier wird es wieder spannend: Vertrautheit kann nämlich beides sein – eine Quelle von Sicherheit und eine Quelle von Langeweile.
Wenn aus Vertrautheit Gleichgültigkeit wird
Eine langjährige Beziehung kann leicht in den Autopiloten rutschen. Man weiß, was der andere sagen wird. Man kennt seine Geschichten. Man weiß, wie der Abend abläuft. Und irgendwann spricht man mehr über den Einkauf als über das eigene Leben.
Das Problem ist dann nicht unbedingt, dass die Verliebtheit verschwunden ist. Vielleicht ist schlicht die Neugier verschwunden. Dabei bedeutet Nähe nicht, dass man den anderen irgendwann vollständig „kennt“. Menschen verändern sich. Interessen verändern sich. Erfahrungen verändern uns. Und manchmal entwickelt sich der Mensch, mit dem wir seit zehn Jahren zusammenleben, gerade an Stellen weiter, an denen wir längst aufgehört haben hinzuschauen.
Vielleicht lohnt sich deshalb manchmal eine ziemlich einfache Frage: „Was weiß ich eigentlich gerade nicht über dich?“ Nicht als Verhör. Eher als Einladung.
Verliebt bleiben ist nicht dasselbe wie verliebt bleiben wollen
Die Forschung bedeutet allerdings nicht, dass man sich nur genug anstrengen muss, damit das Feuer ewig brennt.
Eine Beziehung lässt sich nicht auf Knopfdruck in den Zustand der ersten sechs Monate zurückversetzen. Und wahrscheinlich wäre das auch gar nicht besonders praktisch. Niemand möchte dauerhaft so aufgeregt sein, dass die Steuererklärung liegen bleibt, weil man gerade zum 37. Mal das Profilbild des anderen betrachtet.
Was wir beeinflussen können, ist etwas anderes: ob wir einander weiterhin begegnen. Mit Interesse. Mit Aufmerksamkeit. Mit körperlicher Nähe. Mit Humor. Mit Gesprächen, die über die Organisation des nächsten Wochenendes hinausgehen. Und manchmal auch mit der Bereitschaft, festgefahrene Muster zu erkennen.
Denn Paare verlieren ihre Verbindung nicht immer deshalb, weil keine Liebe mehr da ist. Manchmal ist sie einfach unter Enttäuschungen, ungeklärten Konflikten, Stress und Gewohnheit begraben. Dann kann es hilfreich sein, nicht nur zu fragen: „Lieben wir uns noch?“ sondern auch: „Wie gehen wir eigentlich miteinander um?“
Vielleicht ist Liebe weniger ein Gefühl als eine Bewegung
Verliebtheit passiert uns. Liebe über viele Jahre ist dagegen auch etwas, das wir immer wieder gestalten. Nicht im Sinne eines Beziehungsprojekts mit Excel-Tabelle und Jahreszielen. Zum Glück.
Sondern indem wir neugierig bleiben. Uns gegenseitig wahrnehmen. Konflikte nicht nur gewinnen, sondern verstehen wollen. Nähe zulassen und gleichzeitig die Eigenständigkeit des anderen respektieren. Und manchmal bewusst etwas Neues miteinander erleben. Vielleicht muss eine langjährige Beziehung deshalb gar nicht versuchen, wieder so zu werden wie am Anfang.
Vielleicht darf sie etwas anderes werden. Weniger „Du bist unglaublich!“. Mehr „Ich kenne dich – und ich möchte dich trotzdem immer wieder neu kennenlernen.“ Weniger Herzklopfen bei jeder Nachricht. Mehr das gute Gefühl, jemanden an seiner Seite zu haben, mit dem man lachen, streiten, wachsen und auch einmal gemeinsam darüber schimpfen kann, dass schon wieder niemand den Geschirrspüler ausgeräumt hat.
Denn Liebe muss nicht für immer so bleiben, wie sie begonnen hat. Vielleicht besteht ihre eigentliche Kunst darin, sich zu verändern, ohne verloren zu gehen.
Literaturverzeichnis
Acevedo, B. P., & Aron, A. (2009). Does a long-term relationship kill romantic love? Review of General Psychology, 13(1), 59–65. https://doi.org/10.1037/a0014226
Acevedo, B. P., Aron, A., Fisher, H. E., & Brown, L. L. (2012). Neural correlates of long-term intense romantic love. Social Cognitive and Affective Neuroscience, 7(2), 145–159. https://doi.org/10.1093/scan/nsq092
Aron, A., Fisher, H., Mashek, D. J., Strong, G., Li, H., & Brown, L. L. (2005). Reward, motivation, and emotion systems associated with early-stage intense romantic love. Journal of Neurophysiology, 94(1), 327–337. https://doi.org/10.1152/jn.00838.2004
Fisher, H. E., Aron, A., & Brown, L. L. (2006). Romantic love: A mammalian brain system for mate choice. Philosophical Transactions of the Royal Society B: Biological Sciences, 361(1476), 2173–2186. https://doi.org/10.1098/rstb.2006.1938
Hatfield, E., & Sprecher, S. (1986). Measuring passionate love in intimate relationships. Journal of Adolescence, 9(4), 383–410. https://doi.org/10.1016/S0140-1971(86)80043-4
Hatfield, E., & Walster, G. W. (1978). A new look at love. Addison-Wesley.
Sternberg, R. J. (1986). A triangular theory of love. Psychological Review, 93(2), 119–135. https://doi.org/10.1037/0033-295X.93.2.119
Tennov, D. (1979). Love and limerence: The experience of being in love. Stein and Day.
